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Haus Schwarzenberg

    Pulsierende Kreativität und gedenkende Stille, vibrierende Berliner Subkultur und lebhafte Geschichte – es sind nur scheinbare Gegensätze, die von einem geschichtsbewussten Ort der Kontraste und Entdeckungen erzählen: dem Haus Schwarzenberg in Berlin-Mitte. Dahinter steht der gemeinnützige Verein Schwarzenberg e.V., der diesen Ort der Geschichte, Kultur und Kunst und seine Lebendigkeit gemeinsam mit den Ansässigen erhält.

    Schwarzenberg e.V. – Ein Verein, ein Haus. Eine Vision, viele Taten.

    Seit über 20 Jahren steht der Schwarzenberg e.V. für die Förderung von Kunst und Kultur engagierter Menschen aus aller Welt. Dies hat der gemeinnützige Verein seit seiner Gründung 1995 einem ganzen Gebäudekomplex, dem Haus Schwarzenberg in der Rosenthaler Straße 39, eingeschrieben. Hier bewahrt der Schwarzenberg e.V. gemeinsam mit seinen Mieter:innen, den ansässigen Gewerben und weiteren Institutionen einen Ort, der keinen Widerspruch zwischen Gedenken, avantgardistischer Kunst und Subkultur bildet.

    Der Schwarzenberg e.V. verwaltet den hinteren und größten Teil des Gebäudes. In Abgrenzung zu seiner durchsanierten und gentrifizierten Umgebung erschließt sich die soziale Bedeutung des Komplexes als unabhängiges Kulturhaus, dessen Besonderheit auch in einer charakteristischen Mischnutzung liegt: Der Schwarzenberg e.V. und die Galerie Neurotitan, ansässige Künstler:innen, zahlreiche Ateliers, Gewerbetreibende und kulturelle Institutionen sowie Gedenkstätten zeichnen das kreative Wirken des Gesamt Komplexes aus. Es ist ein lebendiges Zeitdokument und zugleich ein Raum subkultureller und unabhängiger Kunst, der konstitutiver Bestandteil des kulturellen Berlins ist.

    Dem leerstehenden Gebäudekomplex hatten sich 1995 Mitglieder der Künstlergruppe Dead Chickens und weitere engagierte Personen angenommen. Der aus Teilen der Gruppe und weiteren Kunst- und Kulturschaffenden hervorgehende Verein Schwarzenberg e.V. widmete sich der Instandsetzung des Hauses. In Eigeninitiative beseitigte der Verein gravierende Gebäudeschäden und führte die selbst finanzierte Notsanierung durch. Dabei entwickelte er das erste Nutzungskonzept des Komplexes und legte den Grundstein für das heutige Haus Schwarzenberg.

    Hier werden Türen zu einem letzten Refugium freier Kunst und lebendiger Geschichte am Hackeschen Markt geöffnet – der Schlüssel lag von Beginn an in einer Vision vom Freiraum. In den 1990er Jahren nach der Wende ließen zahlreiche Projekte den Kiez zu einem Zentrum bunter Kreativität werden, viele mussten seinem Wandel zum Luxusviertel innerhalb kürzester Zeit allerdings wieder weichen. Mit viel Zeit- und Kraftaufwand hielten die Schwarzenberger:innen doch daran fest, dass in einer Kulturmetropole, die sich auch über eine vielfältige Kunstund Kreativszene definiert, erschwinglicher Arbeits- und Projektraum zugänglich und so künstlerische Selbstverwirklichung sowie nachhaltiges kulturelles Schaffen möglich sein müssen. In Kooperation mit der Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte mbH (WBM) bezog der Verein 1995 das Gebäude und bewahrt im Haus Schwarzenberg eine einzigartige Schnittstelle von Geschichtsbewusstsein und Alternativszene im Dialog mit der Öffentlichkeit.

    Dass die Vision Realität geworden ist und seit jeher in viele Taten umschlägt, kristallisiert die Vereinsarbeit im Haus Schwarzenberg heraus, wo Geschichte, Kultur und Kunst miteinander verbunden sind. Viele Taten – das heißt, in einem anhaltenden sozioökonomischen Strukturwandel in Bewegung zu bleiben und aktiv mit diesem Wandel zu gehen. In ihm setzen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des unabhängigen Kulturhauses ein Zeichen für freie Kunst und Kultur abseits vom Mainstream. Viele Taten, das sind außerdem das facettenreiche Nutzungskonzept und die lebendige Vielfalt von Kunst- und Kulturschaffenden, Gewerbetreibenden und Institutionen, die einem heterogenen und internationalen Publikum immer wieder neue Entdeckungen bieten; das sind gewachsene Strukturen, die das Haus Schwarzenberg in einem Netzwerk der internationalen Kreativszene zu einem Knotenpunkt verflochten haben, an dem sich Avantgarde, Subkultur, Kunst und Geschichte verknüpfen. Schließlich sind es die Werte des Vereins von Freiheit und Kreativität, Offenheit und Vielfalt, an denen sich seine Taten mit zahlreichen Kooperationen orientieren und die sich im Wirken der Ansässigen stets aktualisieren. Werte zugleich, die aktueller nicht sein könnten und gerade gegen Ausgrenzung wie auch den Ausverkauf der Stadt mehr als notwendig sind.

    Geschichte. Kultur. Kunst

    Eine besondere historische Bedeutung kommt dem vorderen Seitenflügel des Hauses zu: 1940 richtete der Fabrikant Otto Weidt hier seine Werkstatt für Besen und Bürsten ein. Der durch seine Zivilcourage hervorstechende Werkstattbesitzer bewahrte zahlreiche seiner zumeist seh- und hörbehinderten jüdischen Mitarbeiter:innen vor der Deportation und versteckte zudem eine Familie in einem Raum seines Bürstenlagers. Dieser ist heute Teil des Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt, das im vorderen Teil des Gesamt Komplexes angesiedelt und heute Teil der Gedenkstätte Deutscher Widerstand ist. Zusätzlich bezog im Jahr 2002 das Anne Frank Zentrum seine Räume im Gebäude. Die Ausstellung „Anne Frank – hier und heute“ bringt insbesondere Schüler:innen und Jugendlichen die Geschichte Anne Franks nahe. Auf den Grundpfeilern Geschichte, Kultur und Kunst werden die gemeinsamen Verhältnisse im Haus und der Komplex damit als unbedingt erhaltenswerte Einrichtung festgehalten. Sie bilden einen Grundstein für gegenseitige Toleranz und Unterstützung, um das Haus weiterhin als lebendigen Ort zu sichern, dessen Vielfalt sich über diese drei Säulen und das kreative Schaffen entspinnt.

    Diese Grundpfeiler vereinen in sich die vom Verein abgedeckte, marktunabhängige Kulturproduktion, den historischen Hintergrund des Hauses, der hier erfahrbar wird, und das schöpferische Wirken der ansässigen Künstler:innen.

    Namensgebung

    Der Name des Vereins und des Hauses geht zurück auf den Roman „Schwarzenberg“ von Stefan Heym aus dem Jahr 1984. Die Figuren der Geschichte sind frei erfunden, doch bindet sie der Autor in die tatsächliche, besondere Situation des sächsischen Landkreises Schwarzenberg zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein. Durch einen Zufall besetzten im Frühjahr 1945 weder die vorgerückten Amerikaner, die an der westlichen Grenze Halt machten, noch die sowjetischen Truppen an der östlichen Grenze das Gebiet im Erzgebirge. Zahlreiche Theorien und Spekulationen über die Gründe Fliegen vor, doch klar ist eine außergewöhnliche Existenz des Landkreises: Für sechs Wochen blieb das Gebiet eine besatzungsfreie Zone, in der sich die Bürger:innen mit einem antifaschistischen Aktionsausschuss selbst verwalteten – in der „Republik Schwarzenberg“, wie sie Heym benennt.

    Die Verbindungen zum Berliner Schwarzenberg liegen einerseits in Parallelen zu äußeren Machtkonstellationen, die sich an Bedrohungen von links und rechts um das begehrte Haus durch private Investoren zeigten. Andererseits spiegelt sich auch hier ein Ideal von einem frei und selbstverwalteten Raum wider, den es zu verwirklichen und zu erhalten gilt – „Links ein Eigentümer, rechts ein Eigentümer“, so ein Gründungsmitglied des Schwarzenberg e.V., „Ich will nicht die von links und nicht die von rechts. Ich bin für die freie Republik.“

    Auch wenn die Zeit der „Republik Schwarzenberg“ im Erzgebirge begrenzt war, gab es sie und es verwirklichte sich eine Vision vom Freiraum. Genau daran gilt es festzuhalten: Der Schwarzenberg e.V. setzt sich in immer wieder neuen Verhältnissen dafür ein, seinen Vereinszweck zu realisieren, den einzigartigen Ort Haus Schwarzenberg nicht nur für die Ansässigen, sondern auch die Öffentlichkeit lebendig und nachhaltig zu gestalten – geschichtsbewusst, im Hier und Jetzt und für die Zukunft, sodass ein unersetzbarer Raum für die freie, offene und unbegrenzte Auseinandersetzung mit Geschichte, Kultur und Kunst bleibt.

    Text Vera Fischer

    www.haus-schwarzenberg.org